Monatliche Markteinschätzungen: Tech-Kluft, steigende Anleiherenditen und Chinas industrielle Renaissance

Key points

  • Volatilität am Technologiemarkt
  • Die strukturellen Treiber der Anleiherenditen
  • China als KI-Disruptor

Aktienmärkte: Die Kluft zwischen Tech- und anderen Titeln

Bei aller Dramatik rund um die US-Zwischenwahlen ist es unwahrscheinlich, dass sie den Kurs der Wirtschaft oder der Märkte ändern: Gehören der Präsident und die Kongressmehrheit verschiedenen Lagern an, erschwert dies die Verabschiedung bedeutender Gesetze.

An den Aktienmärkten haben sich unterdessen zwei verschiedene Welten herausgebildet, mit Technologieaktien auf der einen und allen anderen Papieren auf der anderen Seite – und entsprechend unterschiedlichen Interaktionen mit den globalen Anleiherenditen. Deren wichtigster Treiber war im Sommer der Ölpreis. Der Anstieg der Ölpreise und Anleiherenditen hat – erwartungsgemäß – die Kurse von Nicht-Tech-Aktien nachgeben lassen. Tech-Aktien konnte dies jedoch kaum etwas anhaben, da hier die positiven Gewinnprognosen den Ausschlag geben.

Die jüngste Abverkaufswelle bei Technologieaktien hat Anleger hingegen Zuflucht in der Sicherheit von Staatsanleihen suchen lassen, was trotz steigender Ölpreise eine Talfahrt der Renditen zur Folge hatte. Defensive (Nicht-Tech-) Aktien haben ebenfalls von den niedrigeren Renditen wie auch von Zuflüssen von Anlegern auf der Suche nach als sicher erachteten Häfen profitiert.

Die weitere Entwicklung wird davon abhängen, ob die Volatilität am Technologiemarkt nachlässt. Bei einigen Tech-Aktien haben die Gewinnzahlen für Enttäuschung unter den Anlegern gesorgt. Angesichts der hohen Erwartungen, die sich auf die kräftigen Gewinne der Tech-Indizes seit Jahresbeginn stützen, besteht wenig Spielraum für weitere Enttäuschungen.

Staatsanleihen: Eine Vielzahl beweglicher Teile

Die Renditen von Staatsanleihen sind in diesem Jahr deutlich gestiegen, was die Finanzierungsbedingungen verschärft und Bedenken hinsichtlich der Schuldentragfähigkeit ausgelöst hat. Obwohl noch keine Zweitrundeneffekte sichtbar sind, ist der unerwartete Inflationsschub sicherlich ein entscheidender Faktor für diesen Anstieg der Anleiherenditen.

Ein weiterer wichtiger Faktor sind die Zinswenden der großen Zentralbanken. So deuteten die marktbasierten Erwartungen zunächst auf Zinssenkungen der Fed im Jahr 2026 hin. Stattdessen hob die Fed ihren Leitzins an, und aktuell zeichnen sich in den Markterwartungen zwei weitere Aufwärtsschritte in den nächsten zwölf Monaten ab.

Dies ist allerdings nur ein Teil der Erklärung. Auch strukturelle Faktoren spielen eine Rolle, insbesondere das Überangebot an langfristigen Anleihen, das nicht nur aus der Notwendigkeit der Finanzierung staatlicher Ausgaben resultiert, sondern auch aus einer Veränderung der Nachfrage. So hat sich der Markt für Staatsanleihen von kursunempfindlichen Anlegern mit scheinbar unendlich elastischen Bilanzen zu höchst kurssensitiven Investoren mit beschränktem Bilanzspielraum gewandelt. Daher sind der erwartete Höchstzinssatz, die Risikoprämien von Staatsanleihen und die Form der Zinsstrukturkurve erneut zu festen Bestandteilen der Entscheidungen über die festverzinsliche Allokation geworden.

Es ist eine industrielle Renaissance im Gang

Der Ausbau der künstlichen Intelligenz erzeugt einen Investitionszyklus historischen Ausmaßes, der industrielle Lieferketten, die Energieinfrastruktur, die geografische Gemengelage im verarbeitenden Gewerbe sowie staatliche Wirtschaftsstrategien in Industrie- und Schwellenländern umwälzt. Steigende Finanzierungsvolumen und umfangreiche Auftragsrückstände bestätigen den strukturellen Charakter dieser Welle, die vor allem die USA und China erfasst.

Diese industrielle Renaissance verläuft jedoch höchst uneinheitlich, und die Flaschenhälse verschieben sich. Die KI-Investitionen, bei denen die USA den Spitzenplatz belegen, verstärken das Wachstumsgefälle; Volkswirtschaften ohne KI als treibende Kraft sehen einer langsameren Expansion entgegen. Darüber hinaus erhöht Chinas investitions- und produktionsorientierte Politik den Druck auf die traditionellen Fertigungssektoren.

Zugleich könnte Chinas Fokus auf den Technologiewettbewerb ganz nebenbei dazu führen, dass sich die Volksrepublik zu einem Disruptor im KI-Handel entwickelt. Aus operativer Sicht überwiegen die Verfügbarkeit von Strom und die Zeitpläne für die Netzzusammenschaltung als primäre Voraussetzungen für den KI-Ausbau zunehmend Aspekte wie die grundlegende Technologieinfrastruktur oder die Verfügbarkeit von Land und Arbeitskräften.

Folglich verlagert sich die Entwicklung hin zu ‚Behind-the-Meter‘-Lösungen und netzunabhängigen Konzepten (‚Off-Grid‘) – mit Direktanschlüssen an Solaranlagen, Batterien oder Kraftwerke –, um die Bereitstellung von Energie zu beschleunigen und die Abhängigkeit von öffentlichen Netzen zu verringern. Diese Trends dürften im Jahr 2027 und darüber hinaus divergierende Anlagerenditen bedingen.

Umsetzungsideeen

Flexibilität bei Euro-Unternehmensanleihen

Trotz der geopolitischen Spannungen und der erhöhten Energiepreise zeigt sich der Markt für europäische Firmenbonds nach wie vor resilient, wobei er von starken Fundamentaldaten unterstützt wird. Während die Spreads von Investment-Grade-Anleihen relativ eng bleiben, haben sich jene von Hochzinsanleihen in den letzten Wochen ausgeweitet. Dies lässt die höher rentierenden Marktsegmente wieder etwas attraktiver werden, erfordert aber auch eine größere Selektivität.

Angesichts der nun angelaufenen Berichtssaison für das dritte Quartal wird sich an den Geschäftszahlen zeigen, wie stark die Unternehmensbilanzen tatsächlich aufgestellt sind. Insgesamt bleibt das Umfeld dank einer hohen Gesamtverzinsung und attraktiver Erträge günstig. Potenziell könnte eine taktische Durationspositionierung von Vorteil sein, insbesondere aufgrund der Tatsache, dass der Markt die Erwartungen künftiger Zinserhöhungen seitens der Europäischen Zentralbank bereits eingepreist hat. Ein agiler, flexibler Ansatz könnte Anlegern helfen, über das gesamte Spektrum der auf Euro lautenden Unternehmensanleihen hinweg einschließlich bei Hochzins- und nachrangigen Papieren Chancen zu erschließen und zugleich spezifische Risiken einzudämmen.

Schutz vor Inflation und Zinsschwankungen

Die geopolitischen Spannungen rufen eine hohe Inflationsunsicherheit hervor, insbesondere aufgrund der stark schwankenden Energiepreise, während die Finanzierungsbedingungen restriktiv bleiben. Aufgrund der deutlichen Wende verschiedener Zentralbanken hin zu einer strafferen Zinspolitik nehmen sich kurzlaufende inflationsgebundene Anleihen angesichts ihres kurzfristigen Wachstumspotenzials und der Inflationsrisiken attraktiv aus. Da mehrere Zinserhöhungen bereits in der Marktbewertung berücksichtigt sind, bieten sowohl die Inflationsindexierung – Anleihen, bei denen der Kapitalbetrag an die Inflation gekoppelt ist – als auch die potenziellen Renditen, die Anleger mit dem Halten der Anleihe erzielen können, bis zum Jahresende potenziell attraktive Chancen. Strategien mit kurzer Duration können potenziell zum Schutz vor dem Risiko eines Inflationsanstiegs beitragen, da sie im Vergleich zu Strategien, die sich über alle Laufzeiten erstrecken, weniger empfindlich auf Zinssätze reagieren.

Umweltlösungen als Wegbereiter für den KI-Ausbau

Bei der Revolution der künstlichen Intelligenz dreht sich nicht alles nur um Investitionen in Halbleiter und Technologie. Hinter dem rasanten KI-Wachstum steht ein bedeutender Ausbau kritischer Infrastruktur, insbesondere für Strom und Wasser. Die steigende Nachfrage nach Rechenzentren erfordert eine höhere Stromerzeugung, stärkere und intelligentere Netze, Transformatoren, Batteriespeicher, eine energieeffiziente Kühlung und eine zuverlässige Wasserinfrastruktur. Um dieser wachsenden Nachfrage gerecht zu werden und zugleich die Wende zu einer CO2-ärmeren Energieversorgung zu unterstützen, sind erhebliche Investitionen in Umweltlösungen erforderlich. Wir sind der Ansicht, dass sich hier ein breites Spektrum an mehrjährigen potenziellen Anlagechancen bei den Anbietern auftut, die den weiteren KI-Ausbau möglich machen.

Markteinschätzungen

Legend : Green : Positiv +, Orange : Neutral =, Red : Negativ –
Zinssätze
US-Staatsanleihen (Treasuries) – Die US-Notenbank hat ihren Leitzins im Oktober zwischen 3,75 % und 4,0 % belassen, jedoch auf eine nach wie vor zu hohe Inflation verwiesen. An den Märkten wird davon ausgegangen, dass der Leitzinssatz bei rund 4,50 % bis 4,75 % gipfeln wird. Wir rechnen für die kommenden Monate mit einem gewissen Druck auf die Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen, für die wir einen Anstieg auf 5,10 % erwarten
Euro-Gov. (Kernländer) = Die Europäische Zentralbank hat im Oktober bei den Zinsen pausiert, zeigt sich aber weiterhin offen für eine Anhebung im Dezember. Dies ist jedoch bereits von den Märkten eingepreist, wobei Futures fast drei Aufwärtsschritte in den nächsten zwölf Monaten widerspiegeln. Unserer Meinung nach wird eine Zinserhöhung im Dezember die letzte sein, wobei angesichts der Öl- und Gaspreise der Druck auf die Staatsanleihemärkte anhalten wird
Euro-Gov. – Spreads + Die Spreads von Staatsanleihen haben sich ausgeweitet und erscheinen attraktiv. Wir beurteilen Italien und Spanien nach wie vor positiv, da die aktuell hohen Renditen die Volatilität ausgleichen
Britische Gilts + Unsere am stärksten überzeugungsgeleitete Übergewichtung betrifft längerfristige Gilts, da die britische Inflation fortan nachlassen und das Wachstum seinen Höhepunkt erreicht haben könnte
Japanische Staatsanleihen – Wir gehen davon aus, dass die Rendite 10-jähriger japanischer Staatsanleihen 2027 wieder auf über 3 % steigen wird
Inflation + Die Breakeven-Inflationsraten 10-jähriger US-Staatsanleihen nähern sich ihrem Niveau vor dem Iran-Krieg an und erscheinen daher attraktiv. In der Eurozone sind die Breakeven-Inflationsraten gegenüber dem Vorkriegsniveau erhöht, wären aber noch immer attraktiv, sollte es zu einer weiteren Eskalation in Nahost kommen
Hartwährung = Wir steuern eine neutralere Position an
Schwellenländerwährung + Wir beurteilen auf Lokalwährungen lautende Anleihen positiv, bleiben aber sehr selektiv
Unternehmensanleihen
USD Investment Grade​ + Wir sehen potenzielle Chancen bei den bevorstehenden Emissionen am Primärmarkt. Die Spreads sind attraktiv, haben sich aber nicht so stark ausgeweitet wie bei Euro-Anleihen im Investment-Grade-Segment
EUR Investment Grade​ + Die Spreads haben sich im Oktober rasch auf ihr in diesem Jahr bisher höchstes Niveau ausgeweitet. Hauptsächlich ist das schwache Abschneiden auf andere Anlageklassen (wie Euro-Staatsanleihen und Technologieaktien) und nicht auf die Fundamentaldaten von Investment-Grade-Papieren zurückzuführen
GBP Investment Grade​ + Insgesamt bleiben die Renditen hochattraktiv
US-Hochzinsanleihen + Eine sorgsame Auswahl ist in dieser Anlageklasse entscheidend, mehr noch als zu Jahresbeginn
Euro-Hochzinsanleihen + Wir nutzen den Kursknick in dieser Anlageklasse zur Aufstockung unserer Positionen, gehen aber sehr selektiv vor
Aktien
USA + Technologie und künstliche Intelligenz treiben die Renditen weiter in die Höhe, und die US-Konjunktur bleibt angesichts des breiteren Aufschwungs im verarbeitenden Gewerbe robust. Höhere Inflations- und Zinserwartungen bergen indes weiterhin Renditerisiken. Wir diversifizieren das Tech-Risiko mit einem Engagement im Finanzsektor
Europa = Die Gewinndynamik erlahmt, was wir mit einer moderaten Positionierung berücksichtigen. Höhere Energiepreise, restriktivere monetäre Bedingungen und politische Risiken sorgen auf kurze Sicht für Gegenwind
Japan = Die Fundamentaldaten der Unternehmen sind nach wie vor ein Unterstützungsfaktor. Allerdings haben sich die Bewertungen erhöht, und der Markt fährt sein Aktienexposure zurück. Die Politik der BoJ und die Unsicherheit über den Yen sprechen ebenfalls gegen eine direktionale Sichtweise. Bankaktien nehmen sich attraktiv aus
China – Geldpolitische Unterstützung und attraktive Bewertungen bieten einen gewissen Schutz vor Abwärtsrisiken. Nach wie vor sind die privaten Konsumausgaben jedoch gedämpft, und die Prognosesicherheit hinsichtlich einer nachhaltigen Gewinnerholung bleibt begrenzt
Schwellenländer + Gemessen an den zu erwartenden künftigen Gewinnen sind die Bewertungen attraktiv
Sektoren + Wir haben eine Präferenz für Energieaktien, die eine positive Einschätzung von Rohstoffen widerspiegeln, sowie für globale Finanzwerte aufgrund ihrer attraktiven Bewertungs- und Diversifizierungsmerkmale
Anlagethemen + Langfristig positive Perspektiven für den KI-Ausbau, die Netzelektrifizierung und Strategien zur CO2-Wende

*Wir haben mehrere, von Megatrends untermauerte Themenbereiche identifiziert, die Unternehmen nutzen und die unserer Ansicht nach am besten geeignet sind, sich in der sich wandelnden globalen Wirtschaft zurechtzufinden: Automatisierung und Digitalisierung, Konsumtrends und Langlebigkeit, die Energiewende sowie Biodiversität und Naturkapital.

Wichtige Hinweise

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