Meine 26 Jahre im Assetmanagement gehen zu Ende. Sie begannen mit der Dotcom-Blase (die später platzte) und enden mit der Sorge, ob Maschinen Menschen irgendwann überflüssig machen.
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Zur Jahrtausendwende waren Aktien extrem teuer – und heute scheint es ähnlich. An Schocks war in all den Jahren kein Mangel – finanziellen, weltpolitischen und anderen. Manche davon gaben sogar Anlass zu Verschwörungstheorien. Ich denke an Corona, den 11. September und den Klimawandel.
Große Sorgen machten gierige Unternehmen und verschwenderische Regierungen. Man fürchtete die sozialen Folgen eines Staatsbankrotts, den Zusammenbruch des Fiat-Geldsystems und einen gefährlichen Kampf der Kulturen. Aber nichts davon trat ein.
Viel besser fuhren Anleger, die diversifiziert haben, mit gutem Risikomanagement und sorgfältigen Analysen. Ich hoffe, dazu beigetragen zu haben, dass viele meiner Kunden ihre finanziellen Ziele erreicht haben. Es war mir eine Ehre, mehr als 20 Jahre lang für sie gearbeitet zu haben.
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Manchester United war eine Topmannschaft …
… als ich im Mai 2005 zu AXA Investment Managers kam. Aber dann ging es bergab. In meinen gut 20 Jahren habe ich grob geschätzt an die 1.000 Wochenkommentare geschrieben. Das hier ist mein letzter. Zum Monatsende werde ich gehen.
Mein großes Thema war stets die Konjunktur – und ihre Auswirkungen auf Anleihen, Aktien, Credits, Zinsen und Währungen. Es gab also immer viel zu schreiben. Oft habe ich mich als Manchester-United-Fan geoutet, auch wenn das in den letzten Jahren immer enttäuschender war. Ich hoffe, dass ich meine Leser gut unterhalten habe und sie meine Gedanken zu den Märkten spannend fanden.
Eine Welt im Wandel
Viele Ereignisse sind bis heute unvergessen. Die internationale Finanzkrise 2008/2009 ist ein gutes Beispiel, damals, als ich einen Teil des internationalen Anleihenteams übernahm. Wenn die Unternehmensfinanzen einbrechen, lernt man viel über Kreditwürdigkeit und Liquidität. Dann kam das massive Quantitative Easing der Notenbanken, mit lächerlich niedrigen Renditen und einer immer strengeren Compliance.
Der absolute Tiefpunkt war dann Corona. Die Pandemie änderte unseren Arbeitsstil. Nachhaltiges Investieren war gefragt. Im Rückblick scheint es mir, als hätten wir die Weltwirtschaft darüber manchmal ein bisschen aus den Augen verloren. Durch Corona legte die Inflation kräftig zu. Auf den drastischen Zinsanstieg 2022 waren unsere Portfolios dann schlecht vorbereitet.
Die Dekarbonisierung fand ich enorm spannend, ebenso wie die Demokratisierung der Energieversorgung und die Aussicht auf eine Weltwirtschaft, die sehr viel unabhängiger von Ölimporten aus politisch instabilen Regionen ist.
Nur wenige Jahre später erlebten wir erneut einen Energiepreisschock, Kriege in der Ukraine und dem Nahen Osten und Rechenzentren, die immer mehr Strom benötigen. Und dann sind da noch die Hitzewellen, Waldbrände und Dürren. Von echtem Klimaschutz und der Netto-Null sind wir noch weit entfernt.
Desillusionierung
Im Grunde ist vieles wieder so wie zu Beginn meiner Zeit hier. Die Renditen sind wieder ähnlich hoch wie damals. Sie sind aber noch immer deutlich niedriger als 1989. Als ich zur Chase Manhattan Bank kam, waren die britischen Staatsanleihenrenditen zweistellig.
Anleihen scheinen mir heute so attraktiv wie seit Jahren nicht mehr, und das trotz Inflationssorgen, hoher Staatsverschuldung, der Probleme bei Private Credit und der wachsenden Fremdkapitalquoten der Unternehmen. Statt 2026 hätte man besser 2022 vor einem Einbruch am Anleihenmarkt warnen sollen.
Aktien sind heute teurer, aber die Unternehmensgewinne scheinen solide. Und überhaupt: Ich halte Aktien eigentlich immer für teuer. Für ihre weitere Entwicklung dürfte entscheidend sein, wie es mit der Künstlichen Intelligenz weitergeht.
Werden sich Anleger auch künftig für eine Technologie begeistern, von der manche glauben, dass sie die Menschheit auslöschen könnte? Die Nachfrage nach Kapital, Grundstücken, Rechenleistung, Wasser und Strom wächst umso mehr, je intensiver der KI-Wettlauf wird.
Die Gesellschaft wird KI wahrscheinlich nie vollständig ablehnen. Die steigenden Grenzkosten von Rechenleistung könnten sie aber unwirtschaftlicher machen.
Die Angebotsseite macht mir durchaus Sorgen. Die Nachfrage nach Gesundheitsversorgung, Bildung, Wohnraum und vielleicht auch Sicherheit ist in den westlichen Ländern noch lange nicht gedeckt.
Die Staatsquoten sind hoch, finanziert durch Steuern und Schulden. Aber Steuern und Regulierung führen zu neuen Belastungen für die Privatwirtschaft. Und wer will schon höhere Grenzkosten?
Die Märkte stehen gerade an einem interessanten Wendepunkt. Wegen des Renditeanstiegs mussten die Notenbanken die Zinssenkungen nach Corona teilweise wieder zurücknehmen. Im Vergleich zu früher sind die Zinsen zurzeit nicht besonders hoch. Die derzeitige Inflation hat viel mit der Angebotsseite zu tun.
Wie wahrscheinlich alle Anleihenveteranen rechne auch ich im nächsten Jahr mit hohen Anleihenerträgen. Langläufer sind seit vier Jahren schwach; die Lautzeitprämien sind gestiegen. Die Zeit ist reif für höhere Erträge.
Aber damit sich die Marktstimmung so weit verbessert, dass Anleihen wieder haussieren, müsste sich schon die Weltlage stabilisieren. Der Protektionismus müsste nachlassen, die Fiskalpolitik müsste solider werden.
Natürlich brauchen wir Sicherheitsnetze, öffentliche Dienstleistungen und Verteidigung. Aber wenn die Wirtschaft wirklich wachsen soll, geht es nicht ohne Unternehmergeist. Sonst könnte den Märkten ein Einbruch bevorstehen.
Das wäre dann sicher eine Kaufgelegenheit, aber jeder Börsenkrach fordert seine Opfer. Das sollte man nie vergessen.
Eine schöne Zeit
Ich habe gerne an den Märkten gearbeitet. In meiner Laufbahn habe ich viel übers Investieren gelernt – und über Menschen. Man darf nicht übermütig werden, muss sich seiner Privilegien bewusst sein und darf nie vergessen, dass man für die Altersversorgung, die Ersparnisse und die Versicherungen anderer Menschen verantwortlich ist.
Das kann etwas sehr Anständiges sein, aber man kann auch überheblich werden. Dabei trifft man an den Märkten auf so viele interessante, intelligente und gute Menschen. Wer mit Risiken zu tun hat und Gewinne und Verluste erlebt, entwickelt eine pragmatische Lebenseinstellung.
Ich glaube, dass wir uns in den letzten Jahren oft zu wichtig genommen haben. Wir haben unsere Rolle überschätzt, und nicht selten verdrängte eine gewisse Hybris Realismus und gegenseitigen Respekt. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein bisschen traurig, dass ich jetzt (zumindest erst einmal) gehe und sehe, wie viele aus meiner Generation es mir gleichtun.
Mein 26-jähriger Sohn arbeitet als Anleihenhändler. Er hält mich auf Trab – ob es um Curve Flatteners, Credit Spreads oder Liquidität geht. Gut schlafen kann ich dann trotzdem, auch wenn alles mal völlig aus dem Ruder läuft.
Künftig werden meine Kollegen bei BNP Paribas Asset Management diese Wochenkommentare schreiben. Mein großer Dank gilt allen, mit denen ich in den letzten 21 Jahren zusammengearbeitet habe. Ich hatte das Glück, Kunden in Südamerika, den USA, Europa, Japan, China, Australien und in ganz Asien zu haben.
Ich habe gesehen, wie Anleihen begeben und zurückgezahlt wurden. Ich habe einige Ausfälle und den fragwürdigen Wunsch der Branche erlebt, an komplizierten Finanzprodukten festzuhalten, so wenig die Aufsichtsbehörden das auch schätzten.
Einfachheit, klare Ziele, Diversifikation – das ist, was in unserem Geschäft zählt. Ich hoffe, meine Altersversorgung in diesem Sinne steuern zu können. Und wenn mein künftiges Einkommen von den britischen Staatsanleihenrenditen abhängt, habe ich nichts dagegen, wenn sie steigen!
Vor allem aber möchte ich meinen Mitstreitern aus der „Rain“-WhatsApp-Gruppe danken – ihr wisst, wer gemeint ist. Dank unserer Gespräche habe ich mir meinen Humor bewahrt. Ihr habt mich geerdet. Tschüss, und macht weiter so!
Performancedaten/Quellen: LSEG Workspace Datastream, ICE Data Services, Bloomberg, BNP Paribas AM, Stand 22. September 2026, falls nicht anders angegeben. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Hinweis auf künftige Erträge.