Was hat es mit dem Anleihenausverkauf auf sich (und was nicht) – und was bedeutet er für Aktien?

Rekordverdächtig war dieses Jahr der europäische Sommer. In Großbritannien wird er wohl der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1884 werden. Rekordverdächtig waren aber auch die japanischen 10-Jahres-Renditen. Sie waren zuletzt so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr.

Anleger suchten fieberhaft nach einer Erklärung für den fast synchronen weltweiten Renditeanstieg.

Vielleicht liegt es einfach nur an der Jahreszeit: Im August sind die Märkte wenig liquide. Man sollte sich dann nicht zu viele Gedanken machen. Wenn alle wieder an ihre Schreibtische zurückkehren, könnten die Renditen schon bald wieder fallen.

Dennoch kann man gewisse fundamentale Ursachen nicht leugnen. Wenn sich das US-Finanzministerium wie zuletzt um niedrigere Renditen bemüht, heißt es doch, dass es das Thema ernst nimmt.

Für die Medien sind hingegen die steigende Inflation und Zweifel an den Staatsfinanzen die Schuldigen.

Seit Kriegsbeginn im Nahen Osten haben steigende Ölpreise und die damit einhergehende Inflation eine wesentliche Rolle gespielt. In den letzten Wochen wurde Öl dann aber wieder etwas billiger.

Seit dem Höhepunkt Ende Juni, als die USA den Iran erneut angegriffen hatten, sind die Staatsanleihenrenditen nicht so stark gefallen wie der Ölpreis (Abbildung 1).

Mit über 90 US-Dollar je Barrel ist Öl zwar noch immer teuer, treibt die Inflation aber nicht mehr so stark. Man sollte die Teuerung daher vielleicht doch nicht für den Renditeanstieg verantwortlich machen. Der jüngste US-Verbraucherpreisbericht entsprach den Erwartungen, und die letzten US-Konjunkturdaten (Einzelhandelsumsätze und Beschäftigungsbericht) waren enttäuschend. Eine Zinserhöhung der Fed noch in diesem Jahr wird jetzt für unwahrscheinlicher gehalten. Die Inflationserwartungen sind allenfalls durchschnittlich und seit Ende Juni längst nicht so stark gestiegen wie die US-Staatsanleihenrenditen (Abbildung 2).

Gestiegen sind aber die langfristigen Erwartungen für die Federal Funds Rate, und zwar auf den höchsten Wert seit 2011. Das kann verschiedene Gründe haben, von denen einer vermutlich Künstliche Intelligenz ist. Es ist kein Zufall, dass die langfristigen US-Leitzinserwartungen Anfang 2023 zu steigen begannen, kurz nach der Veröffentlichung von ChatGPT.

Dennoch sind sich die Volkswirte nicht einig, ob die Leitzinsen durch KI auf Dauer steigen oder fallen. KI würde einen Nachfrageboom auslösen und damit die Inflation anheizen, heißt es oft. Dann wäre eine straffere Geldpolitik nötig. Andererseits könnte ein deutlicher Produktivitätsanstieg niedrigere Leitzinsen zulassen. Der Markt scheint sich der ersten Theorie anzuschließen.

Gerade erst hat der Wechsel an der Spitze der Fed für neue Unsicherheit gesorgt. Kevin Warsh will weniger offen über die geplante Geldpolitik informieren. Das könnte die Laufzeitprämien amerikanischer Staatsanleihen steigen lassen. In den letzten zwei Monaten legten sie bereits kräftig zu.

Staatsfinanzen

Seit Jahren fürchtet man auch um die Staatsfinanzen der meisten Industrieländer, und das aus gutem Grund. Die Schulden sind seit der internationalen Finanzkrise 2008 drastisch gestiegen, und seit dem Ende des Quantitative Easing ist der Schuldendienst teurer geworden.

Höhere Haushaltsdefizite bedeuten höhere Renditen – und ein teurerer Schuldendienst lässt die Defizite weiter steigen.

Zweifellos ist der Haushaltsausblick vieler Länder düster. Aber warum wurde das eigentlich erst jetzt zu einem Marktthema? Laut Haver Analytics ist das US-Haushaltsdefizit im 2. Quartal auf 6,9% gestiegen, aber das ist für die Zeit seit der internationalen Finanzkrise keinesfalls besonders viel.

Die USA geben zwar mehr Geld für Zinsen aus, aber der heutige Anteil von 16% am Staatshaushalt ist niedriger als in den 1980ern. Laut Bloomberg fallen sogar die CDS-Spreads amerikanischer Staatsanleihen.

Unternehmensanleihenemissionen

Eine sehr viel bessere Erklärung könnte die hohe Fremdkapitalaufnahme der Unternehmen sein. Nach Angaben der US Securities Industry and Financial Markets Association (SIFMA) wurden 2026 bis Ende Juli bereits für 1,6 Billionen US-Dollar Unternehmensanleihen begeben, 225 Milliarden US-Dollar (22%) mehr als in den ersten sieben Monaten des Vorjahres.

Morningstar schätzt, dass etwa 200 Milliarden US-Dollar davon auf die Hyperscaler entfallen.

Wenn Anleger so viel Fremdkapital übernehmen sollen, müssen sie zwangsläufig von anderen Anleihen weniger kaufen. Ceteris paribus müssen deren Renditen dann steigen. Angesichts der sehr guten Ratings der sogenannten MAMAs (Meta, Alphabet, Microsoft und Amazon, deren erstrangigen unbesicherten Anleihen S&P Ratings von AA- bis AAA zuerkennt) könnte das auch Auswirkungen auf US-Staatsanleihen haben, die mit AA+ bewertet sind.

Wie auch immer: Wenn der amerikanische Staat weiter im bisherigen Tempo Anleihen emittiert, wäre das diesjährige Neuemissionsvolumen ähnlich wie 2020 oder 2021.

Fazit

Viele Entwicklungen haben die Anleihenrenditen weltweit steigen lassen. Dabei dürften höhere Unternehmensanleihenemissionen und Laufzeitprämien eine wichtigere Rolle gespielt haben als Inflationssorgen oder Zweifel an der Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen.

Was aber würde ein weiterer Renditeanstieg für die Aktienmärkte bedeuten?

Bis jetzt halten sich die Folgen in Grenzen. Der MSCI All Country World IMI Index (der Small Caps einschließt) ist seit dem jüngsten US-Renditetief am 29. Juni um 1,8% gestiegen. Es gab aber klare Unterschiede zwischen Teilindizes, denen steigende Zinsen eher wenig anhaben (meist valuelastige Sektoren), und solchen, die stark darunter leiden (wie Technologie).

Der amerikanische Russell Value Index ist um 5,2% gestiegen, gefolgt von Emerging-Market-Aktien ohne Technologie mit 2,2 % und dem MSCI Europe mit 2,1%. Technologiewerte waren schwächer. Der NASDAQ 100 verlor 1,9%, und bei Emerging-Market-Technologieaktien gab es mit 11,1% Minus einen echten Ausverkauf (Abbildung 3).

Höhere Zinsen sind aber nicht der einzige Grund für die Korrektur von Technologieaktien. Insbesondere bei koreanischen Hardware- und Halbleiterwerten hatte sie schon Anfang Juni begonnen.

Und doch können höhere Zinsen Technologieaktien sehr schaden, weil hier die Unternehmensgewinne oft erst in ferner Zukunft anfallen. Wenn der Zinsanstieg aber erst einmal in den Kursen berücksichtigt ist, erholen sie sich meist schnell. Dann zählt nämlich das stärkere Gewinnwachstum.

Auch wegen ihrer soliden Finanzen dürften etwas höhere Finanzierungskosten den meisten Unternehmen keine Schwierigkeiten machen.

Performancedaten/Quellen: Bloomberg, FactSet, BNP Paribas Asset Management, Stand 20. August 2026, falls nicht anders angegeben. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Hinweis auf künftige Erträge.

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