- Durch Europas Weg in die strategische Autonomie entstehen in einigen Sektoren neue Chancen für Anleiheninvestoren. Dazu zählen Verteidigung, Energie und Technologie.
- Höhere Staatsausgaben und Unterstützung durch die Politik verbessern die Aussichten vieler Emittenten in diesen wichtigen Bereichen.
- Möglich ist eine Diversifikation nach Sektoren, Regionen und Emittenten, aber Investoren sollten eine sorgfältige Einzelwertauswahl treffen.
Die Weltpolitik hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Die globale multilaterale Zusammenarbeit ist einer stärker fragmentierten Welt gewichen.
Eigenständigkeit und Widerstandsfähigkeit des eigenen Landes haben einen zentralen Platz in den politischen Agenden. Ziel sind mehr Wohlstand, Schutz und Chancen für die Menschen. Das gilt nicht zuletzt für Europa, das wettbewerbsfähig bleiben und sein Sozialwesen stützen muss.1
Europa strebt Wirtschaftswachstum an, will aber zugleich weniger abhängig von anderen Ländern werden und sich gegen globale Bedrohungen und externe Schocks schützen.
Dazu wird viel in Verteidigung, Infrastruktur und Technologie investiert – und in mehr Widerstandsfähigkeit der Sektoren Energie, Industrie, Nahrungsmittel und Gesundheit. Die Regierungen investieren Rekordsummen, sowohl auf EU- als auch auf Länderebene. Dadurch entstehen interessante Chancen für Anleiheninvestoren.
Neue Finanzierungen
Nach unseren Schätzungen plant Europa bis 2035 Investitionen in Höhe von mehr als 1,5 Billionen Euro, um unabhängiger zu werden.
Zu den einschlägigen Initiativen zählen das Verteidigungsbudget Readiness 2030, das 500 Milliarden Euro umfassende Infrastrukturprogramm in Deutschland, der European Chips Act, im Rahmen dessen der europäische Anteil an der Halbleiterfertigung verdoppelt werden soll, und der Critical Raw Materials Act mit dem Ziel, das Angebot an Rohstoffen nachhaltig zu sichern.
Diese und andere Initiativen werden teilweise durch Anleihenemissionen finanziert, wodurch Chancen für Investoren entstehen. Die Neuemissionen ermöglichen eine Diversifikation nach Emittenten und Laufzeiten durch Agency- und Supranational- sowie Unternehmensanleihen.
Hinzu kommt, dass höhere Staatsausgaben in strategisch wichtigen Sektoren die Kreditwürdigkeit einiger Emittenten verbessern – dank stabiler Cashflows, hoher Auftragsvolumina und eines günstigen Regulierungsumfelds.
Europas Widerstandsfähigkeit
Der wichtigste Aspekt der Unabhängigkeitsbestrebungen Europas ist aus unserer Sicht eine solide Infrastruktur, vor allem in den Bereichen Digitales, Energie und Kommunikation. Wenn eine Leistung oder ein Produkt nur von einem Anbieter und/oder über nur einen Zugang kommt, besteht die Gefahr von Störungen. Ein widerstandsfähigeres, eigenständiges Europa nutzt dagegen mehrere Quellen und Zugänge innerhalb eines miteinander verflochtenen, europäischen Netzwerks.
Deshalb sind Infrastrukturinvestitionen ein wichtiger Teil der strategischen Ziele der Region. Solche Projekte dürften von stabilen, häufig regulierten Cashflows profitieren und sollten von langfristigen staatlichen Investitionen und den entsprechenden politischen Zusagen gestützt werden.
Der Kontinent ist schon jetzt ein wichtiger Erzeuger und Exporteur landwirtschaftlicher Produkte, aber Risiken für die Ernährungssicherheit wie extreme Wetterereignisse und weltpolitische Spannungen dürfen nicht ignoriert werden. Neben der bewährten Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU, zu deren wichtigsten Zielen mehr Ernährungssicherheit, mehr Wettbewerbsfähigkeit und mehr Nachhaltigkeit zählen,2 gibt es weitere spezielle Initiativen wie den Fertiliser Action Plan, der auf weniger Umweltverschmutzung und weniger Abhängigkeit von Importen abzielt.3
Schlüsselsektoren, die profitieren könnten
Der Verteidigungssektor ist einer der wichtigsten Bausteine der angestrebten Unabhängigkeit Europas. Die Militärausgaben dürften auf 2,5% des europäischen BIP steigen. Das entspräche einem Anstieg um 0,6 Prozentpunkte innerhalb von zwei Jahren und würde das vorherige NATO-Ziel von 2% in über drei Vierteln der EU-Mitgliedstaaten übersteigen.4
Unternehmen aus der Rüstungsindustrie und damit verbundenen Bereichen könnten von langfristigen öffentlichen Aufträgen und strategischer Unterstützung profitieren, sodass ihre Kreditwürdigkeit besser prognostizierbar wird.
Auch die Themen Energieunabhängigkeit und Ressourcensicherheit bieten Chancen. Europäische Strategien wie REPowerEU – ein Plan zur Beendigung von Energieimporten aus Russland – und der Critical Raw Materials Act zielen darauf ab, die Bezugsquellen zu diversifizieren und eigene Kapazitäten in den Bereichen erneuerbare Energien, kritische Mineralien und Energieinfrastruktur aufzubauen.
Davon sowie von sinkenden Kosten und steigender Nachfrage könnten Anleihen von Unternehmen aus den Bereichen Solar- und Windenergie, Energiespeicherung und Rohstoffverarbeitung profitieren.
Technologie ist ein weiteres Kernelement der strategischen Autonomie Europas. Hiervon sind auch andere Sektoren wie Stromnetze, Militäranwendungen, Kommunikation, KI und Cybersicherheit betroffen.
Der CHIPS Act soll die Wettbewerbsfähigkeit der Region verbessern und das Risiko von Lieferengpässen senken. Zugleich investiert Europa viel in Rechenzentren und Gigafactories.
Schon jetzt emittieren große Technologieunternehmen so viele Anleihen wie noch nie, weil sie ihre KI-Investitionen finanzieren müssen. Viele wichtige Akteure tun dies auch an Märkten außerhalb der USA.
Ein differenzierter Ansatz
Die Europäische Kommission will die gesamte Region unabhängig machen, aber es nützt auch den einzelnen Ländern, wenn sie zusammenarbeiten.
Die jüngsten Waldbrände in Frankreich und Spanien sind ein Beispiel für eine solche Kooperation. Mehrere Länder wie Deutschland, Portugal, die Slowakei und Kroatien halfen bei der Feuerbekämpfung und der Evakuierung der Bevölkerung.
Auch grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte, Joint Ventures und Technologietransfer-Initiativen machen Fortschritte, sodass weltpolitische Risiken auf mehrere Schultern verteilt und die Widerstandsfähigkeit gefördert werden. Für Anleiheninvestoren könnten Anleihen von Ländern, Kommunen oder Unternehmen, die in solche Projekte involviert sind, Diversifikationsvorteile und Zugang zu neuen Wachstumsbereichen bieten.
Aber angesichts der anhaltenden weltpolitischen Spannungen und des schnellen technologischen Fortschritts müssen Anleger differenziert vorgehen.
Vor allem Unternehmen, die von staatlicher Seite unterstützt werden, könnten genauer geprüft werden und anfällig für politische Wechsel oder Veränderungen der Haushaltspolitik sein. Dadurch könnten ihre Kreditrisiken steigen. Deshalb halten wir einen fundamentalen Einzelwertansatz in Kombination mit einer strengen Kreditanalyse, Szenarioplanung und Stresstests für unverzichtbar, um die Unsicherheiten zu berücksichtigen.
[1] European social fairness – European Commission
[2] CAP funds – Agriculture and rural development – European Commission
[3] Europe’s plan to boost fertiliser supply and food security – European Commission
[4] Readiness 2030: one year after its announcement, the European rearmament plan is on track