- Europa steht vor zahlreichen Herausforderungen: Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, angespannte Handelsbeziehungen mit den USA und immer mehr Konkurrenz durch Produzenten aus China.
- Deshalb will die Region langfristig autonom werden und investiert große Summen in verschiedene Sektoren, um eine eigene Renaissance der Industrie zu fördern.
- Dadurch entstehen langfristige Investmentchancen, vor allem in den Sektoren Verteidigung, Energie und Technologie.
Die Zahl der Herausforderungen scheint stetig zu wachsen. Der Nahostkonflikt hat gezeigt, wie abhängig Europa noch immer von fossilen Brennstoffen aus der Region ist. Zugleich scheinen die Bemühungen um den Ausbau erneuerbarer Energiequellen ins Stocken geraten zu sein.
Die Handelsbeziehungen mit den USA sind bestenfalls als angespannt zu bezeichnen, während China die Lücke füllt und mehr nach Europa exportiert.
Chinas Kompetenz in der Produktion ist eine große Gefahr, beispielsweise für die europäische Automobilindustrie, weil strengere Vorschriften und höhere Löhne deren Wettbewerbsfähigkeit schwächen.
Hinzu kommt, dass weltpolitische Spannungen europäische Regierungen veranlasst haben, ihre Verteidigungsbudgets zu erhöhen. Darauf haben die USA gedrängt – weil Russland Europa auf Schwachstellen testet und wegen der Lage im Nahen Osten.
Natürlich ist das alles nicht neu. Die meisten Punkte und mögliche Lösungen hat der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi bereits 2024 in seinem Bericht „Die Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit“ genannt.
Die Europäische Union hat beschlossen, dass sie ihren eigenen Weg gehen muss. Sie will unabhängiger von den USA werden und neue Partner suchen. Kanada scheint sehr interessiert zu sein. Außerdem steckt die Region viel Geld in ihre Bemühungen.
Eine neue Ära der Investitionen
Nach unseren Schätzungen ist geplant, in den nächsten zehn Jahren über 1,5 Billionen Euro, also etwa 10% des Euroraum-BIP, in den Verteidigungssektor, die Infrastruktur (vor allem in Deutschland), erneuerbare Energien als Ersatz für russisches Öl und Gas, besseren Zugang zu Rohstoffen und in die Halbleiterproduktion zu investieren.
Angesichts der Vielfalt der Initiativen, der Finanzierungsquellen und der Stellen, die die Kapitalauszahlungen steuern, dürften die Auswirkungen auf Branchen und Länder unterschiedlich ausfallen. Dadurch können Chancen für Anleger entstehen, die gezielt in Unternehmen investieren, die mit der größten Wahrscheinlichkeit am meisten von der neuen Großzügigkeit profitieren.
In die Verteidigung, wo Europa sehr lange zu wenig investiert hat, fließt jetzt so viel Kapital wie nie. 2025 haben die 27 EU-Mitgliedsstaaten 418 Milliarden Euro aufgebracht. Für 2026 wird mit 454 Milliarden gerechnet.1
Dabei geht es nicht nur um Beschaffung, sondern vielmehr um die Integration fortschrittlicher Technologien wie KI, die Abwehr von Cyberangriffen, Drohnen und Radarsysteme.
Diese Verschiebung spricht langfristig für Anlagen in die Verteidigungsbranche und ihre Zulieferer, die sich durch hochmoderne Fertigungsprozesse auszeichnen. Einigen Prognosen zufolge könnte der Markt für europäische Verteidigungsunternehmen bis 2030 jährlich um 29% wachsen.2
Mehr Autonomie
Zugleich strukturiert Europa sein Energiesystem um und macht Energiesicherheit von einem Lieferkettenthema zu einem Fundament politischer Unabhängigkeit.
Schon jetzt hat die Region gezeigt, dass sie flexibel sein kann, als sie ihre Abhängigkeit von russischen Ölimporten drastisch verringerte. Dieser Wandel orientiert sich an klaren Plänen wie dem European Green Deal aus dem Jahr 2019 und dem im Juli 2026 beschlossenen Aktionsplan für Elektrifizierung, nach dem die Elektrifizierungsrate des Endenergieverbrauchs bis 2040 verdoppelt werden soll.
Durch hohe Investitionen in erneuerbare Energie, Netzmodernisierungen und die Lieferkette für Elektrofahrzeug-Batterien will die EU ihre Treibstoffimporte um etwa 260 Milliarden Euro jährlich senken und die Renaissance der lokalen Industrie fördern.3
Digitale Infrastruktur und Technologie sind der dritte Pfeiler dieser Autonomiestrategie. Weil man die Lücke zwischen den Systemen in Europa auf der einen sowie den USA und China auf der anderen Seite erkannt hat, entstanden gezielte Initiativen wie das European Technological Sovereignty Package und der Chips Act 2.0, um die Halbleiterindustrie zu fördern.
Zudem will die Region durch seinen Cloud and AI Development Act die Rechenzentrumskapazität in den nächsten sieben Jahren verdreifachen. Hinzu kommt der Critical Raw Materials Act aus dem Jahr 2024, der die Anfälligkeit von Lieferketten senken und dazu die Produktion und Verarbeitung kritischer Mineralien repatriieren soll. Ein Beispiel ist die Lithiumförderung in Finnland, Deutschland und Frankreich.
Diese Pläne sorgen für erhebliche Investmentchancen mit Anlagen in Aktien von Unternehmen aus wachstumsstarken Sektoren, aber auch für Anleiheninvestoren bieten sich durch den Wandel interessante Gelegenheiten.
Finanziert werden diese Initiativen vermutlich zu einem großen Teil über neue Anleihen, emittiert von staatlichen Stellen, Supranationals und Unternehmen. Sektoren wie Infrastruktur, grüne Energie und Verteidigung dürften von stabilen regelmäßigen Cashflows und langfristigen Staatsverträgen profitieren, die die Kreditwürdigkeit dieser Emittenten verbessern. Auf Europas Weg zu strategischer Autonomie entsteht eine umfassende und stabile langfristige Grundlage für Wachstum, die die Region wettbewerbsfähiger und widerstandsfähiger gegen globale Störungen macht.
[1] EU defence spending: €418 billion in 2025, projected to €454 billion in 2026