Sommerwetter

Die immer häufigeren Aktienemissionen in den USA sind ein Zeichen für Übertreibungen. Aber die Anleger achten vor allem auf die sehr hohen Gewinnerwartungen.

In den letzten Jahren haben Unternehmen überschüssiges Kapital über Rückkäufe an ihre Aktionäre zurückgegeben. Zusammen mit den ordentlichen Dividenden stärkte das die Nachfrage nach Aktien.

Vielleicht ändert sich das jetzt etwas, weil immer mehr Unternehmen an die Börse gehen. Fundamental bleiben amerikanische Aktien aber sehr stabil. Die bevorstehenden Zweitquartalszahlen dürften das bestätigen.

  • Wichtige Makrothemen: fallende Inflation, unveränderte Zinsen
  • Wichtige Marktthemen: Optimismus für die zweite Jahreshälfte

Ausschüttungen

Wenn Unternehmen Kapital an die Anleger zurückgeben wollen, können sie Dividenden zahlen, Aktien zurückkaufen oder bei Fusionen und Übernahmen Barabfindungen anbieten.

Die Kursentwicklung hängt aber vor allem davon ab, wie die Kurse auf Gewinnmeldungen reagieren und was Anleger für die erwarteten Gewinne zu zahlen bereit sind.

In den letzten Jahren hatten Aktienrückkäufe wesentlichen Anteil am Kursanstieg in den USA. Die Nettoemissionen (das bei Börsengängen und Kapitalerhöhungen eingeworbene Kapital abzüglich Rückkäufen und Barabfindungen bei Fusionen und Übernahmen) waren beim S&P 500 seit 2021 in den meisten Quartalen negativ.

Die Unternehmen hatten ausreichend freien Cashflow, um überschüssiges Kapital an die Anleger zurückzugeben und Dividenden zu zahlen. Das hatte maßgeblichen Anteil an der Hausse und ist auch weiterhin wichtig.

Im 1. Quartal 2026 wurden netto für 425 Milliarden US-Dollar Aktien zurückgekauft und Dividenden gezahlt. Von Ende März 2025 bis Ende März 2026 betrug die Ausschüttungsrendite 2,5%.

Aber natürlich war der größte Teil der Erträge des S&P 500 steigenden Unternehmensgewinnen zu verdanken.

Allein die Dividendenrendite von nur gut 1% beim S&P 500 zeigt, dass US-Aktieninvestoren andere Prioritäten haben. Sie interessieren sich für Wachstum und die Aussicht auf hohe Kursgewinne, wobei sie regelmäßige kleinere Ausschüttungen durchaus zu schätzen wissen.

Auffällig ist, dass viele sehr große Unternehmen die Zahl umlaufender Aktien in den letzten Jahren verringert haben – etwa Apple, Netflix und NVIDIA. Nur die Google-Mutter Alphabet folgte nicht dem Trend und begab für etwa 80 Milliarden US-Dollar neue Aktien.

Geben und Nehmen

Die vielen Börsengänge dürften im 2. Quartal Auswirkungen auf die Cashflows gehabt haben. Wegen der höheren Investitionen stand weniger freier Cashflow für Aktienrückkäufe zur Verfügung.

Man schätzt, dass die Nettoaktienemissionen nicht mehr ganz so negativ und vielleicht sogar erstmals seit 2021 wieder positiv waren. Allerdings wurden wohl hohe Dividenden gezahlt.

Der SpaceX-Börsengang war der größte aller Zeiten; Anleger stellten sehr viel Kapital bereit. Zum Glück stiegen die Kurse weiter. Der S&P 500 legte im 2. Quartal um 14,9% zu. Noch immer sind die Ausschüttungen an die Aktionäre sehr viel niedriger als die Anlageerträge.

Kapitalbedarf, aber weiter hohes Gewinnwachstum

Lassen Sie uns auch die Unternehmensanleiheninvestitionen betrachten. Laut Fed betrugen sie im 1. Quartal netto etwa 460 Milliarden US-Dollar – und am Markt geht man davon aus, dass in den USA im 2. Quartal für brutto 500 bis 550 Milliarden US-Dollar Investmentgrade-Anleihen begeben wurden. Es fließt also viel Geld von Investoren an Unternehmen.

Das letzte Quartal mag eine Ausnahme gewesen sein, doch dürften die KI-Investitionen weiter steigen. Es wird also weiterhin Kapital benötigt. Vermutlich wird es durch eine Kombination aus Aktienemissionen, steigenden Ersparnissen, ausländischem Kapital, Krediten und dem Verkauf anderer Aktiva aufgebracht.

Da fragt man sich zu Recht, wie nachhaltig das ist. Sollte man vielleicht mit knapperer Liquidität oder fallenden Aktienkursen rechnen?

Dem steht entgegen, dass noch immer ein hohes Gewinnwachstum erwartet wird. Ende Juni rechneten Aktienanalysten mit einem Anstieg des Gewinns je Aktie um 21,7% beim S&P 500 und 36,5% beim NASDAQ.

Selten war man für amerikanische Aktien optimistischer. Wenn die Gewinne wirklich so stark wachsen, können die Unternehmen mehr Investitionen durch Thesaurierung finanzieren. Vielleicht haben sie dann immer noch überschüssiges Kapital für Dividenden und Aktienrückkäufe.

Für den IT-Sektor werden in den nächsten zwölf Monaten 42% Gewinnwachstum erwartet – ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 22 ist daher alles andere als übertrieben.

Von London nach Miami

Wie es am US-Aktienmarkt weitergeht, hängt von zwei Dingen ab: den Zweitquartalsgewinnen der Unternehmen und dem Zinsentscheid der Fed Ende Juli.

Solange die Juni-Inflationszahlen niemanden wirklich irritieren, dürfte die Fed die Leitzinsen mindestens bis September unverändert lassen – und vielleicht sogar bis zum Jahresende. Im Juni waren Beschäftigungszuwachs und Einkaufsmanagerindizes für das Verarbeitende Gewerbe schwächer als im Mai. Nichts spricht für eine Überhitzung des Arbeitsmarktes; die Löhne steigen weiter unverändert um etwa 3,5%.

Stabile Zinsen und ordentliche Unternehmensgewinne sind weiterhin gut für Credits.

Ich hatte das Glück, eine Woche in Miami zu sein und die Fußball-WM vor Ort zu erleben. Durch Heirat bin ich quasi Schotte – und damit assoziiertes Mitglied der Tartan Army.

Wie erwartet ist Schottland mit einer Niederlage gegen Brasilien ausgeschieden. Inmitten der zugegebenermaßen aufgeheizten Stimmung – Miami ist voller Fußballfans aus aller Welt – hatte ich den Eindruck, dass es der US-Wirtschaft gut geht und sie sicher keine niedrigeren Zinsen braucht. Anleger fürchten hingegen durchaus eine Überhitzung. An den Anleihenmärkten dürfte man daher eher mit Zinserhöhungen als mit Zinssenkungen rechnen.

Vielleicht werden nicht mehr so viele Aktien zurückgekauft, aber eine ausgeprägte Verwässerung des Aktienkapitals ist äußerst unwahrscheinlich. Die Nettoemissionen steigen, weil für den KI-Ausbau und Ähnliches Kapital benötigt wird.

Selbst wenn die Cashflows kurzfristig negativ werden, dürfte das kein Grund zur Sorge sein. In vielen US-Sektoren geht der Trend zu einer geringeren Anzahl von Aktien weiter.

Und zu Hause?

Abschließend ein Wort zum Vereinigten Königreich, wo wieder einmal der Regierungschef wechselt. Am Anleihenmarkt weiß man es zu schätzen, dass der designierte Premier Andy Burnham die Haushaltsregeln respektieren will.

Burnham setzt auf Wachstum. Höhere Wohnungsbauinvestitionen, mehr Regionalförderung und Hilfen für kleine Unternehmen wurden bereits angekündigt. Großbritannien braucht Wachstum, daran gibt es keinen Zweifel.

Es wird nicht einfach sein, eine wachstumsfreundliche Politik, die nicht umsonst ist, mit einer nicht zu hohen Kreditaufnahme in Einklang zu bringen. Wichtig ist eine gute Kommunikation. Daran hat es bei der aktuellen Regierung gehapert.

Mehr Vertrauen in die Regierung hilft nicht nur Staatsanleihen, sondern wohl auch britischen Aktien. In den letzten Jahren haben einheimische Anleger immer mehr im Ausland investiert.

Beim FTSE 350 Index ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis nur etwa 60% so hoch wie beim S&P 500. Vor etwa zehn Jahren waren die Bewertungen der beiden Indizes noch ungefähr gleich. Die britischen Unternehmensgewinne dürften, so wird erwartet, um etwa 12% steigen; die Dividendenrendite liegt über 3%.

Niedrigere britische Zinsen im nächsten Jahr, weiter nachlassende Handelskonflikte mit der EU und die Einsicht, dass Großbritanniens Strukturprobleme angegangen werden müssen (Sozialausgaben, Renten und geringe Produktivität) würden britischen Wertpapieren sehr helfen.

Ich bin gespannt, ob der „König des Nordens“ liefert.

Performancedaten/Quellen: LSEG Workspace Datastream, ICE Data Services, Bloomberg, BNP Paribas AM, Stand 2. Juli 2026, falls nicht anders angegeben. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Hinweis auf künftige Erträge.

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